Gott hört!

Neige, HERR, dein Ohr und höre!
Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! (2. Könige 19,16 )

Muss man Gott wirklich bitten, dass er hinhört und hinsieht? Sieht und hört Gott nicht eh schon alles, wenn er denn der allmächtige und allwissende Gott ist? Doch hier geht es nicht um eine rechte Lehre von Gott oder vom Glauben, sondern darum, wie man betet – vor allem, wie man in Situationen der Not betet. In der Bibel gibt es viele Gebete, die Gott ansprechen, als wäre er ein Mensch. In erster Linie wählen Betende diese allzu menschlichen Worte und Vorstellungen, weil sie selbst Menschen sind. Wie sollen denn die Worte sein, dass man den allmächtigen Gott angemessen anspricht?! Hat Gott Ohren und Augen wie ein Mensch – Augen, die manchmal schlafen? Ohren, die manchmal taub sind? Das Besondere an Gott, wie ihn uns die Bibel bezeugt, ist, dass er uns Menschen sehr entgegenkommt, sich zutiefst auf uns Menschen einlässt. Darum ist es für die biblischen Texte auch kein Problem, Worte zu enthalten, die von und zu Gott reden, als wäre er ein Mensch. In Jesus Christus wurde Gott Mensch. Darum können wir Gott auch zutiefst menschlich anreden. Es kratzt nicht an seiner Ehre und Erhabenheit. Wenn wir Gott sehnlichst bitten, ehren wir ihn. Wir erkennen unser Begrenztsein und legen unsere Not, unser Leben, in seine Hände. Darum ist jedes bittende Gebet, so menschlich es auch formuliert sein mag, höchstes Lob Gottes.

Die Gebetsworte in 2.Könige 19,6 sind Teil einer Geschichte, die der Jerusalemer König Hiskia erlebt hat. Die Assyrer belagern die Stadt und fordern das schon ausgehungerte Volk auf, sich zu ergeben und nicht in der Gefolgschaft des Königs und im Vertrauen auf ihren Gott ins Verderben zu stürzen; wie auch in den anderen eroberten Städten mit ihren letztlich schwachen Göttern werde auch der Gott Israels mit der Eroberung Jerusalems untergehen. So breitet der König Hiskia in seiner Not die Situation klagend vor Gott aus; er über-betet seine Lage und überdenkt sie, indem er sie Gott erklärt. Hiskias Gebet ist eine Mischung aus Klage, Selbstreflexion und Bitte – vor Gott. Er betet so, weil er weiß, dass es Gott interessiert, wie es ihm und seinem Volk geht. In dieser Situation hat Gott das Gebet letztlich erhört, in einer ähnlichen Situation gut 100 Jahre später nicht, als Jerusalem erobert wurde. Wir haben Gott nicht in der Hand. Wir verstehen nicht, warum er manches Böse verhindert, anderes zulässt. Da bleiben viele Fragen. Entscheidend ist, dass er uns nicht alleine lässt. Wir können mit ihm darüber reden, ehrlich und offen und wie es uns ums Herz ist.

Michael Kißkalt

(Theologische Hochschule Elstal)